Christian Graf Plettenberg über Pepo

Laudatio anlässlich der ÖPS Sportlerehrung 2012

Als ich ab dem 27. Juli dieses Jahres die ersten Eindrücke von den Olympischen Spielen in London via Fernsehen in mein Wohnzimmer holte, wurde mir sehr schnell bewusst, dass mein Beschluss nicht dort hin zu fahren, die definitiv falsche Pepo JugendEntscheidung gewesen war.


Eine Stadt, ein ganzes Land empfing die Welt mit weit offenen Armen. Die besondere Atmosphäre fröhlicher, beinahe ausgelassener Begeisterung zigtausender Menschen in nahezu ständig ausverkauften Wettkampfarenen war selbst aus der Ferne als Erlebnis spürbar.
Doch die Hoffnung auf ein Stockerlplatz, eine Medaille für Österreich musste von Tag zu Tag verschoben, von Woche zu Woche prolongiert werden und blieb am Ende gänzlich unerfüllt.
Als ich dann aber ab dem 29. August die Spiele der Paralympics verfolgte, wusste ich endgültig, was ich wirklich verpasst habe. Die Briten schenkten den behinderten Sportlern die selbe Begeisterung, die selbe euphorische Atmosphäre wie den Olympioniken in meist ebenso ausverkauften Stadien und gaben

damit der Welt und uns allen ein deutliches Zeichen für die Tatsache, dass eben nicht Integration der Behinderten als eigener Teil der Gesellschaft, sondern vielmehr Inklusion als ganz normale Mitmenschen unser Grundsatz sein muss! Betrachtungsweisen übrigens, die ich aus dem interessanten Buch «Geht nicht, gibt’s nicht» von Thomas Haller gelernt habe, der auch in London Team Athengeritten ist, 16. wurde und heute Abend bei uns ist.
Und dann war es endlich soweit. Es war der 37. Tag der Eröffnung der Olympischen Spiele als der erste österreichische Sportler, natürlich ein Reiter, die 3. Stufe des Stockerls erklomm und die Bronzemedaille erhielt. Da stand er nun, ein durch und durch glücklicher Mensch, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass ihn gleich nachher der nächste Schicksalsschlag ereilen würde, mit der Nachricht vom plötzlichen Tod seiner geliebten Schwiegermutter. An dieser Stelle drängt sich wohl uns allen die

Frage auf, wie viel Grausamkeit ein Mensch eigentlich ertragen können muss?!
Keine Frage, dass er zunächst daran dachte, die Paralympics abzubrechen und zur Kür nicht mehr anzutreten. Doch die Motivation seiner starken Frau Michele bewegte ihn letztlich zu bleiben und weiter zu reiten. Welch eine innere Zerrissenheit, welch eine Herausforderung, sich angesichts der Trauer und Wehmut noch einmal auf die notwendige, sportliche Höchstleistung zu konzentrieren! «Undenkbar» – würden wir sagen? Nein! Nicht, seitdem wir wissen, dass eiserne Disziplin und unbändige Willenskraft einen Namen tragen: Pepo Puch.
Also wurde es Montag, der 3. September 2012, als im Olympischen Reitstadion im Greenwich Park der Freestyle Test Grade 1b inEuropameister

Szene ging. Und Fine Feeling tanzte unter Pepo zu den Klängen von Johann Strauss durch das Viereck. Besser als alle Anderen. Und so erklang am Nachmittag des 39. Tages nach der Eröffnung der Olympischen Spiele zum ersten Mal die österreichische Bundeshymne. Gold für Österreich durch Pepo Puch.
Mein englischer Freund Steven Wilde, der die Olympischen und Paralympischen Spiele als Stadionsprecher begleit hat, schrieb mir spontan eine Mail: «Dear Christian, what an achievement for this man, what a great victory for our sport, what a wonderful day for Austria! Please pass on to Pepo Puch our heartfelt congratulations!»
Und ganz oben auf dem Stockerl stand einer, der sein Glück kaum fassen konnte. Und wir mit Ihm! Waren es wirklich erst fast auf den Tag genau vier Jahre seit seinem Unfall bei der Vielseitigkeit in Schenefeld bei Hamburg, wo er doch erst nach geraumer Zeit seine linke grosse Zehe wieder spürte, oder wo er doch erst nach vier Monaten in der Zürcher Klinik überhaupt eine Hand zum Gesicht führen konnte?! Ja da stand er, ganz oben, mit Gold um den Hals und im Gesicht das Lächeln des Siegers über sein Schicksal!
«Was denkbar ist, ist machbar» – ist sein Leitsatz. Das klingt logisch. Zunächst aber braucht es die innere Grösse undenkbar Scheinendes als denkbar zu erklären, weil es die eigene Willenskraft erfordert.  Und nicht erst jetzt – schon längst vorher.
Denn über seinen Paralympic Sieg werden seine Erfolge im Vorfeld oft vergessen. So wurde er im 2011 in Moorsele in Belgien Goldmedaille London 2012Europameister im Championship-Test und Vize Europameister in der Kür. Und im Herbst letzten Jahres die Nummer 1 der Weltrangliste! Und beim Maimarktturnier in Mannheim erritt er mit 80,667% einen neuen Weltrekord in der Kür. Beinahe selbstverständlich erscheint, dass Pepo für seine Erfolge bereits vielfach ausgezeichnet wurde. So wurde er vom Herrn Bundespräsidenten ebenso geehrt wie er vom Land Steiermark eine der höchsten Auszeichnungen des Landes erhielt.
Letztlich aber, lieber Pepo, gibt es wohl nichts Materielles, das Deiner Schicksalsbewältigung gerecht wird – und schon gar keine Worte. Dennoch und umso mehr freue ich mich ganz besonders die Worte der Laudatio heute Abend an Dich richten zu dürfen. Lass mich Dir also ganz einfach und ganz ehrlich meine tief empfundene Bewunderung ausdrücken, nicht nur für Deine sportlichen Meriten, sondern vielmehr für Deine Lebensleistung, die, eingebettet in das Umfeld Deiner liebenden Familie, als besonderes Beispiel nicht nur für die Sportwelt, sondern auch für unsere Gesellschaft erstrahlt. Der Begriff «Vorbild» liegt nahe, doch will ich in diesem Zusammenhang eher nicht erwähnen, weil wir wohl Niemandem die schicksalshafte Voraussetzung zur Nachahmung Deines Weges wünschen würden.
Vor allem aber, lieber Pepo, möchte ich Dir aufrichtig danken dafür, dass ich mit Dir einem aussergewöhnlichen Menschen begegnen und nahe sein darf. Und gerade in dieser Zeit kurz vor dem Jahreswechsel hat ja bekanntlich die Begegnung mit Dir, dem Rauchfangkehrer, noch eine weitere, besondere Bedeutung.
Schliesslich möchte ich Dir dafür danken, dass Du, auch nach all den Erfolgen, so bist, wie Deine Tochter kürzlich auf die Frage eines Journalisten, wie denn der Papa so sei, mit tiefer Überzeugung antwortete: «Mein Papa ist ganz normal!»
Meine Damen und Herren heute geht die höchste Auszeichnung, die der ÖPS zu vergeben hat, die ÖPS – Trophy, an einen ganz normalen Menschen. Pepo Puch.